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MARTIN-LUTHER-GEMEINDE

DARMSTADT

Liebe Leserinnen und Leser,
an Karfreitag erinnern wir uns daran, dass Jesus gekreuzigt wurde. Er wurde hingerichtet von der damaligen römischen Besatzungsmacht in Palästina, weil er eine Bedrohung darstellte. Lange Zeit ist das her, dennoch hat dieser Tod eine besondere Bedeutung für uns.
Warum dieser eine? Täglich werden wir in den Nachrichten mit Leid und Schmerzen, Gewalt und Folter, Tod und Trauer konfrontiert.
Wir denken an die vielen an Corona Verstorbenen, in den USA, in Spanien, Italien, im Iran und anderswo. Und wir denken an die Menschen im Flüchtlingslager auf Lesbos, in Townships in Südafrika, in Slums in Indien, die sich gar nicht vor dem Virus schützen können, weil sie ohne fließendes Wasser zu eng beieinander leben.
Wir denken an das Leid im Jemen und in Syrien, das in den Hintergrund zu geraten droht vor lauter Corona-Nachrichten.
Und wir denken an die vielen Menschenrechtsverletzungen weltweit. Eine falsche Äußerung, ein falsches Kleidungsstück, ein falscher Glaube – das kann auch heute noch tödlich enden. Journalistinnen und Journalisten, die Menschenrechtsverletzungen anprangern, werden in vielen Ländern verfolgt und inhaftiert.
Das, was uns heute in den Nachrichten berichtet wird, lässt sich problemlos in der Leidens-geschichte von Jesus wiederfinden. Die Folter und der grausamen Tod eines Unschuldigen, der sich bis heute so oft wiederholt.
Was ist nun das Besondere an diesem einen Leiden und Sterben? Der Apostel Paulus gibt im 2. Brief an die Gemeinde in Korinth dazu eine Antwort.
2. Kor 5, 19-21 (Übersetzung: Bibel in gerechter Sprache)
Doch alles geht von Gott aus: Gott versöhnt uns durch den Messias mit sich selbst und gibt uns die Aufgabe, die Versöhnung zu vermitteln: Ja, Gott war es, der im Messias die Welt mit sich versöhnt hat. Gott rechnete ihnen ihre Vergehen nicht an und hat unter uns das Wort von der Versöhnung in Kraft gesetzt.
Im Auftrag des Messias sind wir nun Gesandte in der Überzeugung, dass Gott euch durch uns ersucht. So bitten wir an Stelle des Messias: Lasst euch versöhnen mit Gott! Gott hat ihn, der keinerlei Sünde getan hatte, an unserer Stelle zu einem sündigen Menschen gemacht, damit wir Gottes Gerechtigkeit verkörpern, in eins mit Jesus.
Paulus ruft gerade angesichts von Leiden und Konflikten zur Versöhnung auf. Wir haben die Aufgabe, Versöhnung zu vermitteln, aber zuerst müssen wir uns mit Gott versöhnen. Aber wie kann das gehen? Und hat Gott das nicht längst getan?
Ja, Gott rechnet uns unsere Vergehen nicht an und hat unter uns das Wort von der Versöh-nung in Kraft gesetzt. Gott ist sozusagen in Vorleistung getreten. Jetzt ist es an uns, dieses Geschenk anzunehmen. Wenn mir vergeben ist von Gott, dann kann ich auch Versöhnung predigen und meinem Mitmenschen vergeben, denkt Paulus.
Für Paulus ist der grausame Tod Jesu eine einzige Versöhnungsleistung Gottes. Gott entschuldigt mich. Gott rechnet mir Schuld oder Sünde nicht zu. Das bedeutet nicht, dass Gott gefällt, wo ich gegen seinen Willen handle. Aber um des Kreuzes willen ist Gott bereit zu vergeben, weil Gott die Spirale von Gewalt und Gegengewalt durchbricht.
Allerdings ist es auch nötig, zu erkennen, dass wir schuldig werden. Klar, rein theoretisch wissen wir das: Wo Menschen zusammen leben, werden sie schuldig, gegenüber anderen und gegenüber sich selbst. Und wenn sie noch so viel an sich arbeiten, sich verbessern, perfekt ist niemand. - Aber wie ist das mit mir? Mache ich persönlich mich schuldig?
Schuld anzuerkennen heißt, Verantwortung zu übernehmen, wenn Gesetze, Gebote und Pflichten verletzt wurden. Im Glauben geht es um die Übertretung von Gottes Geboten.
Ja, das kann ich nicht von mir weisen. Und ich möchte ja auch Verantwortung für mein Handeln übernehmen, selbst wenn es falsch ist.
Versöhnung und Vergebung setzen voraus, dass Menschen ihre Schuld sehen. Und darum bitten, entschuldet zu werden. Das ist der erste Schritt, um sich mit Gott zu versöhnen. Dass ich Gott bitte: „Ich weiß, Gott, dass ich oft nicht in deinem Sinne handle und dass ich Fehler mache. Bitte rechne mir meine Schuld nicht an. Vergib mir.“
Im Wort „Versöhnung“ steckt die „Sühne“, das ist der zweite Schritt. Jesus hat Sühne und Buße gepredigt: Kehrt um! Also – ändert euren Weg! Das ist ganz grundlegend. Oft scheint es in Konflikten ja so, als ob außer der Konfrontation nichts anderes möglich wäre, das ist ein Automatismus. Wenn das passiert, dann tue ich dieses, dann macht mein Gegenüber das usw. Jesus sagt: Es gibt einen anderen Weg: kehrt um!
Kehrt um in all den Konflikten, wo ihr die Eskalation immer weiter treibt, weil ihr unbedingt Recht haben wollt. Kehrt um, verzichtet auf euren eigenen Vorteil. Ändert eure Sichtweise.
Ich denke manchmal, Umkehr sei ein Rückschritt. Ich wende mich zurück und das will ich eigentlich nicht, ich will ja vorwärtskommen. Aber vielleicht führt der Weg nach vorn in einen Abgrund. Vielleicht verrenne ich mich in etwas und mache mir und anderen das Leben immer schwerer. Umkehr ist der Ausstieg aus diesem Automatismus. Umkehr heißt, eine andere Perspektive einzunehmen, neue Wege zu finden.
Mir fällt sofort der Klimawandel ein. Wir müssen dringend unseren Lebensstil ändern und umkehren. Die Corona-Pandemie dominiert unsere Nachrichten so sehr, dass von nötigen Klimaschutzmaßnahmen kaum noch etwas zu hören ist. Und wegen der Coronakrise wurde gerade der für November in Glasgow angesetzte Weltklimagipfel, bei dem die in Paris vereinbarten Emissionsziele nachgebessert werden sollten, auf 2021 verschoben. Wie können wir uns mit Gottes Schöpfung versöhnen?
„Lasst euch versöhnen mit Gott“. Gott macht den ersten Schritt, er macht sich erreichbar, wirbt um uns, lockt uns hervor, aus unserem tiefsten Inneren herauszukommen. Dazu ist Gott selbst in die Tiefe gegangen, denn Gott war in Christus, der da am Kreuz hängt. „Lass dich versöhnen mit deiner Dunkelheit. Lass dich versöhnen ganz unten in der Tiefe, da, wo deine Angst sitzt, deine Beklemmungen im Gedanken an die Zukunft. Da richte ich meinen Frieden, meine Versöhnung auf“, so bietet Gott es an.
Das Wort von der Versöhnung ist Balsam auf geschlagenen Wunden, es baut Brücken über tiefe Gräben, es macht uns innerlich selbstbewusst. Und es gilt für alle Zeit. Gott versöhnt sich mit uns. Und jede Versöhnung, die wir schaffen, macht unser Leben besser. Denn so kann sich Versöhnung ausbreiten, wenn wir das, was wir selbst erfahren, weitergeben.
„Der Weg entsteht beim Gehen“ heißt ein Sprichwort. Oft ist in großen Krisen und Konflikten nicht einmal eine Spur des Weges zu sehen. Aber Gott verspricht, dass sich ein Weg auftun wird, wenn wir innerlich bereit sind, umzukehren. Ein Weg, der Schritt für Schritt die Kurve schafft und Versöhnung möglich macht.
Wir brauchen Hoffnung, um diesen Weg zu gehen. Wir brauchen Selbsterkenntnis, Mut zum Eingestehen von Schuld, Vergebung und die Fähigkeit, anderen zu vergeben.
Zur Versöhnung gibt es keine Alternative – auch wenn dieser Weg ein weiter ist. Aber wir können ihn mit Gottes Hilfe finden und gehen. Denn wir schauen von Karfreitag schon auf Ostern. Wir wissen, dass das Leben und Gottes Liebe stärker ist als der Tod. Es wird letztlich siegen.
So sind wir nun Botschafterinnen und Botschafter an Christi statt und bitten: Lasst euch versöhnen mit Gott. Und geht mit uns auf diesem Weg der Versöhnung in unserer Welt. Amen.

Pfarrerin Tanja Bergelt

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